Wer seine Ponys naturnah hält, hinterfragt zu Recht jede künstliche Intervention. Jahrelang galt in der Pferdewelt ein starres Schema: Alle drei bis vier Monate wurde pauschal entwurmt – „vorsorglich“, wie es hieß. Doch moderne, artgerechte Haltung und ein wachsames Parasitenmanagement verlangen einen grundlegenden Blickwechsel hin zur selektiven Entwurmung.
Das überholte Dogma: Die vierteljährliche Chemiekeule
Lange Zeit war der Griff zur Entwurmungspaste im festen Rhythmus für viele Pferdebesitzer Routine. Das Prinzip schien einfach: Lieber einmal zu oft behandeln, als ein Risiko einzugehen. Doch medizinische und biologische Erkenntnisse zeigen längst, dass dieses Vorgehen mehr schadet als nützt. Wenn Pferde in regelmäßigen Abständen chemischen Wirkstoffen ausgesetzt werden, ohne dass überhaupt eine behandlungsbedürftige Parasitenlast vorliegt, passiert vor allem eines: Die Parasiten entwickeln Resistenzen.
Das bedeutet, dass die gängigen Wirkstoffe bei echten, massiven Befällen an Wirksamkeit verlieren. Gleichzeitig gerät die sensible Darmflora des Ponys bei jeder unnötigen Chemiegabe massiv unter Druck. Da der Darm das Zentrum des Immunsystems ist, schwächt man mit pauschalem Entwurmen langfristig genau die Widerstandskraft, die ein robustes Pony eigentlich braucht.
❌ Das alte Schema (Pauschal)
- Feste Intervalle (alle 3–4 Monate)
- Chemie auf Verdacht („Blindflug“)
- Rasanter Anstieg von Wirkstoff-Resistenzen
- Unnötige Belastung von Darmflora und Organismus
✔ Selektive Entwurmung (Modern)
- Gezielte Kotproben im Jahresverlauf
- Behandlung nur bei Überschreitung des Schwellenwerts
- Schonung der sensiblen Darmmikrobiota
- Kombination mit mechanischem Weidemanagement
Warum eine naturnahe Haltung ein natürliches Gleichgewicht begünstigt
In der Natur gibt es keine sterilen Offenställe oder keimfreien Weiden – und dennoch überleben Wild- und Robustpferde seit Jahrtausenden ohne künstliche Medikamenten-Zyklen. Ein gesunder Organismus arrangiert sich in einer artgerechten Umgebung hervorragend mit einer Grundlast an Parasiten. Wichtig ist dabei der Unterschied zwischen einem schädlichen Massenbefall und einer friedlichen Koexistenz.
In einem ganzjährig offenen Gelände mit viel Bewegung, gutem Wiesenheu und Struktur hat das Pony die besten Voraussetzungen für ein starkes Immunsystem. Ein starkes Pferd wird mit einer geringen Parasitenanzahl von Natur aus spielend fertig, ohne dass der Tierarzt eingreifen muss.
Der moderne Weg: Regelmäßige Kotproben statt Blindflug
Anstatt auf Verdacht zu handeln, macht man sich heute die **selektive Entwurmung** zunutze. Das Vorgehen basiert auf Diagnostik statt auf Vermutungen:
- Sammelkotproben im Jahresverlauf: Über das Jahr verteilt – insbesondere vor dem Start in die Weidesaison im Frühjahr und in der kühleren Jahreszeit – wird der Kot der Herde untersucht. Im Labor wird dabei die Eizahl pro Gramm Kot (EPG-Wert) bestimmt.
- Differenzierte Behandlung: Die Herde teilt sich meist in „Ausscheider“ und Tiere mit sehr guter Eigenimmunität auf. Nur jene Ponys, die einen definierten Schwellenwert (meist ab ca. 200 bis 500 EPG je nach Parasitenart) überschreiten, erhalten eine gezielte Entwurmung. Die anderen bleiben chemiefrei.
- Mechanisches Weidemanagement: Das regelmäßige Absammeln und Abäpfeln der Weideflächen entzieht den Larven den Nährboden und unterbricht den Infektionskreislauf auf mechanische Weise.
💡 Ausblick: Der neue „Wurmkompass“
Um das Parasitenmanagement im Stall noch übersichtlicher, digitaler und stressfreier zu gestalten, arbeite ich aktuell an einem neuen Projekt: dem Wurmkompass. Damit behält man Kotproben-Ergebnisse, Untersuchungstermine und den Behandlungsstatus der Herde mühelos im Blick. Bald gibt es hier auf dem Blog nähere Infos dazu!
Besonderheiten im Offenstall: Worauf es ankommt
Besonders in Offenställen oder Offenlauf-Systemen spielt das Management eine zentrale Rolle. Da die Tiere uneingeschränkten Zugang zu den Flächen haben, ist die Sauberkeit der Ruhe- und Futterbereiche entscheidend. Futter sollte niemals direkt auf dem nackten, kotverschmutzten Boden angeboten werden – hier leisten Raufen und Netze saubere Dienste. Auch die Gruppengröße und die Zusammensetzung der Herde fließen in ein gutes Parasitenmanagement ein, da junge Pferde oder Senioren oft einen anderen Immunstatus aufweisen als robuste adulten Ponys.
Fazit: Weniger Chemie, mehr Beobachtung
Natur, artgerechte Bewegung, hochwertiges Wiesenheu und ein wachsames Auge auf den Gesundheitszustand der Herde ersetzen jede starre, veraltete Routine. Wer den tatsächlichen Kotstatus seiner Ponys kennt, handelt verantwortungsvoll, schont den Organismus und schützt die Wirksamkeit wichtiger Medikamente für den Notfall.
Wie handhabst du das Thema Entwurmung und Kotuntersuchungen in deiner Haltung? Schreib es gerne unten in die Kommentare!