Auf Social Media sieht man sie derzeit überall: bildschön angerichtete „Pferde-Bowls“. Bunte Beeren neben Kräutermischungen, beträufelt mit Algenöl, garniert mit Luzernepellets, Mineralfutter und mystischen „Anti-Entzündungs-Pulvern“. Verkauft wird das Ganze unter blumigen Namen als „naturnahe, antientzündliche Nährstoffbombe“.
Und ich stehe daneben und denke: Was zur Hölle hat das noch mit einem Pferd zu tun?
Ich halte seit über drei Jahren zwei Pony-Hengste in ganzjähriger naturnaher Geländehaltung. Nach mehr als 25 Jahren mit Pferden. Und je länger ich das mache, desto wütender machen mich diese bunten Eimer, die da täglich in meinem Feed auftauchen. Nicht weil ich neidisch auf die schönen Fotos wäre. Sondern weil hier ein Bild von „Naturnähe“ verkauft wird, das genau das Gegenteil von dem ist, was ein Pferd braucht.
„Natürlich bedeutet nicht automatisch artgerecht. Natürlich bedeutet nicht automatisch sinnvoll. Und natürlich bedeutet schon gar nicht, dass ein Pferd das braucht.“
Das Paradoxon der Wellness-Schüssel
Es ist faszinierend: Auf der einen Seite wird die Futtermittelindustrie kritisiert, synthetische Zusatzstoffe werden verteufelt, und man beruft sich auf das Ur-Pferd. Auf der anderen Seite mischt man dem Pferd täglich eine Zehn-Komponenten-Ration zusammen, die eher an ein Chemielabor als an eine Pferdeweide erinnert.
Da wird dann argumentiert: „Aber es ist doch alles natürlich! Beeren, Kräuter, Algenöl!“ Ja, herzlichen Glückwunsch. Arsen ist auch natürlich. Blei auch. Und der Stechapfel auf der Weide erst.
Natürlich bedeutet nicht automatisch artgerecht. Natürlich bedeutet nicht automatisch sinnvoll. Und natürlich bedeutet schon gar nicht, dass ein Pferd das braucht.
Was frisst ein Pferd in der Natur?
Steppen- und Ursprungspferde bewegen sich kilometerweit über karge Flächen. Sie fressen rohfaserreiche Gräser, Äste, Rinde, gelegentlich wilde Kräuter oder Sträucher. Sie finden keine hocherhitzten Luzernepellets. Keine industriell extrahierten Algenöle. Keine abgepackten Beerenmischungen aus dem Plastikeimer.
Und vor allem: Sie finden keine zehn verschiedenen Komponenten, die ihnen ein Mensch zusammenmischt und in einen Trog schüttet.
Die Natur ist langweilig. Die Natur ist monoton. Die Natur ist rohfaserreich und arm an Konzentrat. Das ist der Punkt.
Homöopathische Mengen fürs gute Gewissen
Oft werden für ein 500 kg schweres Großpferd Dosen von 50 g Beeren oder Kräutern empfohlen. Ich habe das mal nachgerechnet: 50 g auf 500 kg Körpergewicht sind 0,01 Prozent. Auf die Gesamtmasse des Futtereintrags ist das ein Tropfen auf den heißen Stein.
Aus ernährungsphysiologischer Sicht ist das praktisch nichts. Es befriedigt vor allem das menschliche Bedürfnis, dem Tier etwas „Besonderes“ und Ästhetisches in den Trog zu zaubern. Das Pferd frisst es, weil es da ist. Nicht, weil es ihm hilft.
Und dann wird ein Foto gemacht. Und dann wird es gepostet. Und dann kommt der nächste Trend.
Belastung statt Entlastung
Der Verdauungs- und Stoffwechselapparat des Pferdes ist auf kontinuierliche, rohfaserreiche Nahrungsaufnahme eingestellt. Jedes hochkonzentrierte Zusatzpulver, jedes verarbeitete Pellet und jedes konzentrierte Öl muss von Leber und Darm verarbeitet werden.
Oft erreicht man mit dem bunten Mix genau das Gegenteil von dem, was man wollte: Der Organismus wird überfordert statt entlastet.
Ich habe das bei einem Pferd in meinem Umfeld erlebt. Eine Stute, die mit einem bunten Mix aus fünf verschiedenen Zusatzfuttermitteln gefüttert wurde. Die Besitzerin war überzeugt, ihrem Pferd etwas Gutes zu tun. Nach drei Monaten hatte das Pferd Kotwasser, einen stumpfen Blick und eine schlechtere Hufqualität als vorher.
Was geholfen hat? Den Mix absetzen. Heu. Wasser. Bewegung.
Nach vier Wochen war das Pferd wieder normal.
Was echte Naturnähe wirklich bedeutet
Eine artgerechte und naturnahe Fütterung braucht kein Marketing-Latein und keine komplizierten Rezepte. Sie basiert auf einfachen, unverfälschten Grundpfeilern. Wer tiefer einsteigen will, findet die Grundlagen auch in unserem Beitrag Der Fütterungswahn: Warum weniger Management oft mehr Natur bedeutet.
Rohfaser als Basis
Erstklassiges, gut strukturiertes Heu (oder die passende Weide bzw. das Naturgelände) bildet das Fundament. Es sorgt für Kautätigkeit, Speichelbildung und eine gesunde Darmflora. Wer sein Pferd wirklich gesund erhalten will, investiert in gutes Heu – nicht in bunten Pulverstaub.
Natürliche Reize & Bewegung
Ein abwechslungsreiches Naturgelände mit Sträuchern, Bäumen und unterschiedlichen Untergründen bietet dem Pferd genau die Bepflanzung und Bewegung, die es sucht und braucht. Bewegung ist der beste Stoffwechsel-Booster, den es gibt. Kein Pulver der Welt kann das ersetzen. Warum Bewegung so essenziell ist – und was passiert, wenn sie fehlt – haben wir ausführlich im Beitrag Boxenhaltung macht Pferde körperlich und psychisch krank beschrieben.
Weniger ist mehr
Wenn Energie benötigt wird, tut es ein sauberer, unverarbeiteter Hafer. Wenn gezielt unterstützt werden soll, reichen wenige, ausgewählte Naturkräuter – ohne Schnickschnack, Pulverstaub oder künstliches Aromakonzept.
Wasser
Sauberes Wasser, immer verfügbar. Frostsicher im Winter. Das ist der wichtigste „Zusatz“ überhaupt.
Die Sache mit den „Internet-Gurus“
Es gibt einen Grund, warum ich diese Entwicklung so kritisch sehe. Und der hat nichts mit Neid auf Instagram-Follower zu tun.
Annie Emery, eine unabhängige und zertifizierte Pferdeernährungswissenschaftlerin aus Minnesota, hat das Phänomen der „Internet-Gurus“ in der Pferdefütterung treffend beschrieben. Sie definiert Gurus als Menschen, die im Social-Media-Raum existieren. Sie sind charismatisch. Sie haben viel Content. Sie wiederholen viele Informationen von anderen. Sie haben nicht unbedingt Fachkompetenz nachgewiesen. Sie haben möglicherweise keine echten Qualifikationen in Ernährung oder Wissenschaft.
Und sie nutzen extreme Sprache.
„Dieses Futter ist schlecht für Pferde.“ „Diese Zutat verursacht Entzündungen.“ „Du musst das unbedingt ausprobieren.“
Das ist kein Fachwissen. Das ist Marketing.
Emery rät: Zoomt raus aus Facebook, Instagram, TikTok. Haben diese Personen eine Website mit veröffentlichter Biografie? Sind ihre Qualifikationen klar angegeben? Haben sie nachgewiesen, dass sie Rationen für verschiedene Pferdetypen ausbalancieren können? Haben sie echte Kunden – nicht nur gesponserte? Existiert ihr Geschäft unabhängig von Facebook?
Das sind die richtigen Fragen. Nicht: „Wie viele Likes hat der Beitrag?“
Was die Wissenschaft wirklich sagt
Man könnte jetzt einwenden: „Aber es gibt doch Studien, die die Wirkung von pflanzlichen Zusatzfuttermitteln belegen!“
Schauen wir uns das an. Eine Studie aus dem Jahr 2024 untersuchte drei kommerzielle pflanzliche Zusatzfuttermittel – basierend auf Beifuß, Echinacea und Curcumin – an Ponys. Das Ergebnis: Keines der drei Mittel zeigte eine statistisch signifikante Wirkung auf die untersuchten Parameter. Die Wirksamkeit war schwach (≤ 38,6 %), und die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die Ergebnisse die praktische Verwendung dieser Zusatzstoffe nicht rechtfertigen.
Das bedeutet nicht, dass alle pflanzlichen Zusatzfuttermittel wirkungslos sind. Es bedeutet, dass die Beweislage dünn ist. Und dass „natürlich“ nicht automatisch „wirksam“ bedeutet.
Der entscheidende Punkt ist ein anderer: Selbst wenn ein Pulver eine messbare Wirkung hätte – warum braucht ein gesundes Pferd, das gutes Heu, Wasser und Bewegung hat, überhaupt eine „Anti-Entzündungs-Formel“?
Die Frage ist nicht, ob das Pulver wirkt. Die Frage ist, warum wir überhaupt glauben, dass es wirken muss.
Aus der Praxis: Der 15-Zutaten-Cocktail für den Oktober
Um zu verstehen, wie absurd die Entwicklung inzwischen geworden ist, lohnt ein Blick in die aktuellen Instagram-Stories einer der bekannten Instagram-Futterexpertinnen.
Die angeblich naturnahe Herbstschüssel besteht dort inzwischen aus über 15 verschiedenen Komponenten: Hafer, Luzernepellets, Hirseflocken, Algenöl, Hanfsamen, isolierten Aminosäuren, Mineralfutter, Jodpellets, Weihrauch, Bitterkräutern, Ringelblumen, Beerenmischungen und einer „geheimen gelblichen Anti-Entzündungs-Mischung“.
Die Begründung: Die meisten Pferde seien krank und hätten „stille Entzündungen“.
Die Lösung? Schnell das Buch kaufen und die Produkte im eigenen Shop bestellen – aktuell sogar mit 50 % Rabatt!
Hier wird keine Biologie bedient. Hier wird Verkaufspsychologie auf dem Rücken verunsicherter Pferdebesitzer betrieben.
„Welches Pferd in freier Wildbahn sucht sich täglich 15 verschiedene, teils industriell isolierte Reinstoffe und Öle zusammen, um ‚stille Entzündungen‘ zu bekämpfen?“
Die Antwort kennt jeder, der sein Pferd einmal auf einer echten Weide beobachtet hat: Keines. Und das ist der ganze Punkt.
Was hier als „naturnahe Fütterung“ verkauft wird, ist in Wahrheit das genaue Gegenteil: eine hochkomplexe, industriell zusammengestellte Rezeptur, die ohne Marketing, ohne Rabattaktion und ohne Angst vor „stillen Entzündungen“ gar nicht existieren würde.
Die Ökonomie der bunten Eimer
Es gibt einen Aspekt, der in der Diskussion oft untergeht: die Kosten.
Honos Nutrition Co. aus Kanada hat das in einem Beitrag treffend beschrieben. Die Autorin rechnet vor: Wenn du täglich 25 Dollar für Supplemente ausgibst, sind das 9.000 Dollar pro Jahr. Für ein einziges Pferd.
Und dann wird gespart bei den Dingen, die wirklich wichtig sind. Der Tierarzt für ein Blutbild wird „zu teuer“. Der Hufschmied alle fünf Wochen statt alle acht Wochen – „das geht grad nicht“. Die Sattelanpassung alle sechs Monate – „machen wir später“.
Das Pferd leidet. Nicht weil es zu wenig Pulver bekommt. Sondern weil die Grundlagen fehlen.
Die Instagram-Bowl als Symptom
Ich glaube, die Instagram-Bowl ist mehr als ein Trend. Sie ist ein Symptom für etwas Tieferes.
Sie ist ein Symptom für die Vermenschlichung des Pferdes. Wir wollen unserem Pferd etwas Gutes tun. Wir wollen ihm etwas Besonderes geben. Wir wollen das Gefühl haben, dass wir alles richtig machen.
Aber das Pferd will keine Beeren. Das Pferd will Heu. Es will Gras. Es will Rinde. Es will Bewegung. Es will einen sicheren Platz in der Herde.
Das ist nicht Instagram-tauglich. Das ist langweilig. Das ist Natur.
„Das Pferd will keine Beeren. Das Pferd will Heu. Es will Gras. Es will Rinde. Es will Bewegung. Es will einen sicheren Platz in der Herde. Das ist nicht Instagram-tauglich. Das ist langweilig. Das ist Natur.“
Und weil das so ist, passt es auch nicht zu dem Bild, das viele von uns im Kopf haben. Ein sicheres Herdenleben, ein fester Platz in der Gruppe – das ist das, was Pferde wirklich brauchen. Warum das so ist und warum „Dominanz“ dabei oft ein Missverständnis ist, haben wir im Beitrag Das Märchen vom ranghohen Chef-Pferd aufgeschrieben.
Ein persönliches Wort
Ich habe in über 25 Jahren mit Pferden viel erlebt. Ich habe Pferde gesehen, die mit fünf verschiedenen Zusatzfuttermitteln gefüttert wurden – und trotzdem krank waren. Und ich habe Pferde gesehen, die nur Heu, Wasser und Weide bekamen – und topfit waren.
Der Unterschied lag nie am Pulver. Er lag immer an der Haltung.
Und deshalb regt mich dieser Instagram-Trend so auf. Weil er den Blick auf das Wesentliche verstellt. Weil er Pferde zu Konsumenten macht, die sie nicht sind. Weil er ein Fütterungsproblem zu einem Produktproblem umdeutet – und damit jede Veränderung blockiert.
Fazit: Lasst die Kirche im Dorf
Man muss aus der Pferdefütterung keine Wissenschaft machen, um sein Pferd gesund zu erhalten. Wer die Grundbedürfnisse nach Rohfaser, Bewegung, Sozialkontakt und frischem Wasser erfüllt, tut seinem Pferd mehr Gutes als mit jeder noch so hübsch fotografierten Instagram-Bowl.
Lassen wir die bunte Pulverwelt da, wo sie hingehört: in den Marketingabteilungen der Futterhersteller. Und in den Feeds derer, die daran verdienen.
Das Pferd braucht es nicht.
Häufige Fragen zu Instagram-Bowls und Pferdefütterung
Braucht mein Pferd überhaupt Zusatzfutter?
In den meisten Fällen: nein. Ein gesundes Pferd, das gutes Heu ad libitum, Zugang zu Wasser und ausreichend Bewegung hat, braucht keine Zusatzfuttermittel. Ausnahmen sind medizinisch begründete Fälle – dann aber bitte in Absprache mit dem Tierarzt oder einer zertifizierten Pferdeernährungswissenschaftlerin.
Was ist mit Kräutern – sind die nicht natürlich und gesund?
Kräuter können sinnvoll sein – aber nur, wenn sie gezielt und in ausreichender Menge eingesetzt werden. 50 g Beeren auf 500 kg Pferd sind ernährungsphysiologisch irrelevant. Wer wirklich etwas bewirken will, muss die Dosis und die Inhaltsstoffe kennen – nicht nur das Etikett.
Wie erkenne ich seriöse Informationen zur Pferdefütterung?
Drei Fragen helfen: Erstens: Hat die Person eine nachweisbare Qualifikation in Pferdeernährung? Zweitens: Beruft sie sich auf Studien oder nur auf Anekdoten? Drittens: Verkauft sie selbst ein Produkt? Wer sein eigenes Pulver bewirbt, ist kein neutraler Ratgeber.
Was füttere ich meinem Pferd, wenn es wirklich Unterstützung braucht?
Zuerst: die Grundlagen prüfen. Gutes Heu, ausreichend Wasser, Bewegung, Sozialkontakt. Wenn das stimmt und trotzdem etwas fehlt, dann gezielt und in Absprache mit Fachleuten. Nicht zehn Komponenten auf einmal, sondern eine nach der anderen – und mit klarer Indikation.
Wie seht ihr das?
Habt ihr auch schon Erfahrungen mit dem bunten Zusatzfutter-Zirkus gemacht? Oder füttert ihr konsequent reduziert – und habt festgestellt, dass weniger tatsächlich mehr ist?
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